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Expertenwissen
📅 2026-06-07⏱ 8 Min.✍️ Tim Burwitz

Chronische Schmerzen: Muss ich mich einfach damit abfinden?

Nachdenkliche, hoffnungsvolle Frau Anfang 50 am Fenster im warmen Tageslicht

„Ich glaube, ich muss mich einfach damit abfinden.“ Diesen Satz höre ich von Menschen, die seit Jahren Schmerzen haben und gefühlt schon alles versucht haben – Ärzte, Spritzen, Massagen, Tabletten. Die Erschöpfung dahinter verstehe ich gut. Trotzdem sage ich klar: In den allermeisten Fällen musst du dich nicht abfinden. Nicht, weil ich Wunder verspreche – sondern weil der Weg, den die meisten gegangen sind, oft am eigentlichen Problem vorbeiführt. Nicht raten – wissen.

  • „Alles probiert“ heißt oft: viel Passives probiert – aber selten die eigentliche Ursache angegangen.
  • Schmerz ist immer echt, bedeutet aber nicht automatisch bleibenden Schaden – und ist veränderbar.
  • Große Leitlinien empfehlen heute: aktiv bleiben und die Ursache angehen statt nur Symptome zu dämpfen.
  • Auch nach Jahren ist Besserung möglich. Der erste Schritt ist klein – du musst nicht schmerzfrei sein, um zu starten.

Warum so viele aufgeben – und warum das verständlich ist

Erst verstehen, dann gezielt handeln.

Wer jahrelang Schmerzen hat, hört irgendwann auf zu hoffen. Eine Behandlung nach der anderen hat nicht den erhofften Durchbruch gebracht, Befunde klangen bedrohlich, Ratschläge widersprachen sich. Irgendwann denkt man: Vielleicht ist das einfach mein Schicksal.

Diese Resignation ist menschlich – und kein Zeichen von Schwäche. Aber sie ist fast immer verfrüht. Denn dass bisher nichts geholfen hat, heißt nicht, dass nichts helfen kann. Es heißt oft nur: Das Richtige wurde noch nicht gezielt probiert.

Wichtig vorweg: Aufgeben fühlt sich nach Realismus an, ist aber meist ein Trugschluss. Die Frage ist nicht ob du Schmerzen hast, sondern warum – und ob der eigentliche Auslöser je angegangen wurde.

„Alles probiert“ – aber meistens das Passive

Wenn ich nachfrage, was jemand schon alles versucht hat, kommt fast immer dieselbe Liste: Wärme, Massagen, Tape, Einlagen, Spritzen, Schmerztabletten, schonen. Das haben alle gemeinsam: Es sind passive Maßnahmen, bei denen etwas mit dir gemacht wird – und sie zielen auf das Symptom, nicht auf die Ursache.

Solche Maßnahmen können kurzfristig guttun. Aber wenn der eigentliche Auslöser bleibt, kommt der Schmerz zurück, sobald die Wirkung nachlässt. Genau das erleben viele als „nichts hilft“ – dabei wurde das Wirksamste oft noch gar nicht gezielt versucht.

✕ Was sich anfühlt

Ich habe wirklich alles versucht – nichts hilft, also muss ich damit leben.

✓ Was meist dahintersteckt

Vieles Passive wurde versucht – aber die Ursache nie gezielt und aktiv angegangen.

Schmerz ≠ Schaden: warum Hoffnung berechtigt ist

Starker Schmerz heißt nicht starker Schaden.

Ein verbreiteter Irrtum: Schmerz sei immer ein direkter Anzeiger für Schaden im Gewebe – also je mehr Schmerz, desto kaputter. So funktioniert es aber nicht. Schmerz ist immer echt (er ist nicht eingebildet), aber er ist eher ein Warnsystem als eine Schadensanzeige.

Bei langanhaltenden Schmerzen wird dieses System oft überempfindlich – es schlägt lauter an, als es müsste. Die gute Nachricht: Was sich verändert hat, lässt sich auch wieder verändern. Genau deshalb ist Besserung möglich – selbst wenn die Schmerzen schon lange da sind.

Was die Forschung empfiehlt: aktiv und ursachenorientiert

Die Lösung ist Belastung in der richtigen Dosis.

Die größten internationalen Übersichtsarbeiten ziehen alle in dieselbe Richtung: Weg von rein passiver Behandlung, hin zu aktivem, individuell angepasstem Vorgehen. Eine wegweisende Reihe im Fachjournal The Lancet hat 2018 klar gemacht: Bewegung, Aufklärung und aktiv bleiben gehören an den Anfang – Bildgebung, Spritzen und OP nur zurückhaltend und gezielt.

249Studien fasst eine Cochrane-Übersicht zusammen – mit dem Ergebnis: Bewegungstherapie senkt chronische Schmerzen und verbessert die Funktion, verglichen mit keiner oder rein passiver Behandlung.Quelle: Hayden et al. 2021, Cochrane Review
AnsatzPassiv / SymptomAktiv / Ursache
Was passiertetwas wird mit dir gemachtdu wirst aktiv begleitet
ZielSchmerz kurz dämpfenAuslöser angehen
Wirkungoft nur vorübergehendauf Dauer angelegt
Leitlinien heutenur zurückhaltendklar empfohlen

Anders gesagt: Wer bisher vor allem Passives probiert hat, hat den wirksamsten Hebel oft noch gar nicht richtig in der Hand gehabt.

Was das für dich heißt – auch nach Jahren

Das ist kein Heilsversprechen. Nicht jeder wird komplett schmerzfrei, und jeder Mensch ist anders. Aber Besserung ist viel häufiger möglich, als die meisten glauben – auch nach Jahren. Der Unterschied liegt selten an deinem Willen, sondern fast immer am Vorgehen:

Worauf es ankommt

1
Ursache statt Symptom

Erst herausfinden, was den Schmerz wirklich antreibt – statt weiter nur zu dämpfen.

2
Aktiv und dosiert

Schritt für Schritt mehr Belastbarkeit aufbauen – angepasst an genau deinen Stand.

3
Begleitet dranbleiben

Mit einem klaren Plan und Anleitung – statt allein zu raten und beim ersten Rückschlag aufzugeben.

So fängst du an – du musst nicht schmerzfrei sein, um zu starten

Das Wichtigste zum Schluss: Du musst nicht erst schmerzfrei werden, um etwas zu verändern. Du fängst dort an, wo du gerade stehst – mit dem, was heute geht, und steigerst dich behutsam. Der erste Schritt ist klein.

Zufriedener Mann Mitte 50 bei einem entspannten Spaziergang im grünen Park
Der erste Schritt ist klein – du fängst dort an, wo du gerade stehst.

Der eigentliche Unterschied zwischen abfinden und Besserung ist: zu wissen, woran es wirklich liegt und welcher Weg zu dir passt. Genau da komme ich ins Spiel – wir schauen ehrlich, wo du stehst, und finden heraus, ob und wie sich deine Schmerzen an der Ursache angehen lassen.

Fazit

„Damit muss ich leben“ ist verständlich – aber selten das letzte Wort. Wer bisher vor allem Symptome bekämpft hat, hat oft den wirksamsten Hebel noch gar nicht probiert: die Ursache, aktiv und individuell. Nicht abfinden – verstehen und gezielt angehen.

Tim Burwitz – Personal Trainer Köln
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Häufige Fragen

Ich habe wirklich schon alles versucht – kann da überhaupt noch etwas helfen?

Meistens bestand dieses „alles“ aus passiven Maßnahmen, die das Symptom dämpfen. Der aktive, ursachenorientierte Weg ist oft genau der, der noch nicht konsequent probiert wurde. Eine Garantie gibt es nicht – aber aufzugeben ist in den allermeisten Fällen verfrüht.

Heißt das, meine Schmerzen sind nur psychisch oder eingebildet?

Nein, ganz klar nicht. Schmerz ist immer echt. Aber er ist kein direkter Schadens-Anzeiger: Bei langanhaltenden Schmerzen wird das Warnsystem oft überempfindlich. Genau das ist veränderbar – und keine Einbildung.

Ich habe einen MRT-Befund oder „Verschleiß“ – muss ich mich da nicht abfinden?

Ein Befund ist nicht automatisch die Schmerzursache. Viele Menschen haben dieselben Befunde völlig schmerzfrei. Oft lässt sich trotz Befund deutlich etwas verbessern – entscheidend ist, was du mit dem Körper machst, nicht nur das Bild.

Muss ich erst schmerzfrei sein, um zu trainieren?

Nein. Du startest dort, wo du stehst – dosiert und angeleitet. Bewegung in einem sinnvollen Rahmen schadet nicht, sondern hilft dem überempfindlichen System, wieder belastbarer zu werden.

Wann sollte ich unbedingt erst ärztlich abklären lassen?

Bei Warnzeichen: plötzliche Lähmung oder Taubheit, Störungen von Blase oder Darm, Fieber mit Schmerzen, ungewollter Gewichtsverlust oder Schmerzen direkt nach einem Unfall. Das gehört zuerst zum Arzt. Für die allermeisten anderen Schmerzen gilt: aktiv werden lohnt sich.

Quellen

  1. Hartvigsen J, Hancock MJ, Kongsted A, et al. What low back pain is and why we need to pay attention. Lancet. 2018;391(10137):2356–2367.
  2. Foster NE, Anema JR, Cherkin D, et al. Prevention and treatment of low back pain: evidence, challenges, and promising directions. Lancet. 2018;391(10137):2368–2383.
  3. Hayden JA, Ellis J, Ogilvie R, et al. Exercise therapy for chronic low back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2021, Issue 9: CD009790.