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Expertenwissen
📅 2024-08-15⏱ 9 Min.✍️ Tim Burwitz

Was sind eigentlich Schmerzen? Das musst du verstehen

Person hält sich den schmerzenden Rücken - Symbolbild für Schmerzwahrnehmung

Was ist Schmerz? Die wissenschaftliche Antwort

Erst verstehen, dann gezielt handeln.
Schmerz misst den Schaden im Gewebe.  →  Schmerz ist ein Schutzsignal deines Nervensystems.

Schmerz ist kein einfaches Signal das von einem beschädigten Körperteil zum Gehirn geleitet wird. Schmerz ist eine komplexe Erfahrung, die das Gehirn aktiv erzeugt - basierend auf vielen Informationen gleichzeitig: körperliche Signale, Erinnerungen, Erwartungen, Emotionen und den aktuellen Kontext.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Schmerz ist kein einfaches Warnsignal – er ist eine komplexe Schutzreaktion des Gehirns.
  • Schmerz und Gewebeschaden sind nicht dasselbe: Man kann Schmerz ohne Schaden haben und umgekehrt.
  • Chronischer Schmerz entsteht durch Überempfindlichkeit des Nervensystems, nicht durch dauerhaften Schaden.
  • Psychologische Faktoren wie Stress, Angst und Überzeugungen beeinflussen die Schmerzintensität erheblich.
  • Durch Bewegung und Schmerzerziehung kann das Nervensystem dauerhaft umtrainiert werden.

Die offizielle Definition der IASP (2020): Schmerz ist eine unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die mit tatsächlicher oder drohender Gewebeschädigung assoziiert ist oder als solche beschrieben wird.

Schmerz als Schutzmechanismus - sinnvoll und notwendig

Akuter Schmerz schützt dich. Er ist sinnvoll.

Akuter Schmerz hat eine klare Funktion: Er schützt dich. Wenn du mit der Hand auf eine heisse Herdplatte greifst, zieht du sie reflexartig zurück - bevor du bewusst darüber nachgedacht hast. Das ist Schmerz als Warnsystem in Aktion.

Bei akuten Rückenschmerzen ist es ähnlich: Der Schmerz zwingt dich, innezuhalten und dem Körper Zeit zur Heilung zu geben. McGill (2007) erklärt, dass akute Rückenschmerzen oft mit muskulären Verletzungen oder Überdehnungen zusammenhängen - der Schmerz dient dazu, weitere Belastung zu verhindern.

„Schmerz ist immer real – aber er ist nicht immer ein Zeichen von Schaden. Er ist ein Schutzsignal deines Gehirns, das manchmal überempfindlich wird."

Schmerz entsteht im Gehirn - nicht im Gewebe

Schmerz entsteht im Nervensystem – nicht im Gewebe.

Das ist der wichtigste Satz zum Thema Schmerz: Schmerz entsteht nicht da, wo es wehtut. Er entsteht im Gehirn. Das Gehirn verarbeitet alle eingehenden Signale und entscheidet dann, ob es Schmerz erzeugt - als Schutzreaktion.

Butler & Moseley (2013) haben mit Explain Pain gezeigt: Das Gehirn bewertet ständig ob eine Situation bedrohlich ist. Je bedrohlicher die Situation eingeschätzt wird, desto stärker der Schmerz. Das erklärt warum derselbe Reiz in einer entspannten Situation weniger schmerzt als in einer stressigen.

Schmerz bedeutet nicht automatisch Schaden

Starker Schmerz heißt nicht starker Schaden.

Das ist für viele Patienten eine Uberraschung: Starker Schmerz bedeutet nicht automatisch starken Schaden. Und umgekehrt: Erhebliche strukturelle Befunde im MRT müssen keinen Schmerz verursachen.

Studien zeigen: Bei Menschen ohne jegliche Rückenschmerzen finden sich in MRT-Bildern häufig Bandscheibenvorfälle, Degeneration und andere auffällige Befunde. Der Schaden war da - der Schmerz nicht (Brinjikji et al., 2015).

Das bedeutet nicht, dass dein Schmerz nicht real ist. Er ist sehr real. Aber seine Intensität hängt nicht direkt von der strukturellen Schädigung ab.

Chronischer Schmerz ist kein Zeichen von dauerhaftem Gewebeschaden – er ist ein Zeichen, dass das Nervensystem überempfindlich geworden ist. Das bedeutet: Er ist veränderbar.

Warum Schmerz chronisch wird

Chronischer Schmerz heißt: das System ist überempfindlich – nicht kaputt.

Wenn Schmerz länger als drei Monate anhalt, spricht man von chronischem Schmerz. Aber warum verschwindet er nicht, wenn die ursprüngliche Verletzung längst geheilt ist?

Das Nervensystem lernt. Es baut buchstäblich neue Nervenbahnen für die Schmerzweiterleitung aus - Schmerzsignale gelangen schneller und verstärkt ins Gehirn. Dieses Phänomen nennt sich zentrale Sensibilisierung: Das Nervensystem ist im Alarmmodus - auch ohne akute Bedrohung (Woolf, 2011).

Der psychologische Anteil ist entscheidend

Kopf und Körper sind ein System.

Stress, Angst, Depression, schlechter Schlaf, negative Erwartungen - all das verstärkt Schmerz nachweislich. Nicht weil der Schmerz "eingebildet" ist, sondern weil das Gehirn diese Faktoren bei seiner Schmerzbewertung einbezieht.

Katastrophisierendes Denken - "Das wird nie besser", "Ich kaputte meinen Rücken" - erhöht die Schmerzintensität und das Risiko chronischer Schmerzen erheblich. Umgekehrt: Wer versteht wie Schmerz wirklich entsteht, hat mehr Kontrolle darüber (Vlaeyen & Linton, 2000).

SchmerztypMerkmaleBehandlungsansatz
Akuter SchmerzWarnsignal, max. 3 MonateUrsache behandeln, schonen wenn nötig
Chronischer SchmerzÜberempfindlichkeit, >3 MonateSchmerzerziehung, Bewegung, Stressreduktion
Psychogener SchmerzOhne klaren BefundMultidimensional, Bewegung und Psychologie
Neuropathischer SchmerzKribbeln, Brennen, TaubheitNervenspezifische Therapie + Training

Neuroplastizität: Schmerz kann verändert werden

Schmerz entsteht im Nervensystem – nicht im Gewebe.

Schmerz beim Training ≠ Schaden. Ein leichtes Ziehen bis ~3–4/10, das nach der Einheit abklingt, ist in der Reha meist okay. Maßstab ist die Reaktion am Folgetag, nicht der Moment.

Die gute Nachricht: Was das Gehirn gelernt hat, kann es umlernen. Neuroplastizität bedeutet dass das Nervensystem formbar ist. Durch gezielte Bewegung, Schmerzerziehung und die richtigen Erfahrungen kann das Nervensystem desensibilisiert werden.

Gezieltes Training gibt dem Gehirn neue, sichere Erfahrungen mit Bewegung. Es lernt: Diese Bewegung ist nicht gefährlich. Der Alarm kann gedämpft werden. So entsteht langfristige Schmerzfreiheit - nicht durch Reparatur einer Struktur, sondern durch Umerziehung des Nervensystems.

Strategien gegen chronischen Schmerz

  1. Schmerzerziehung: Verstehe, wie Schmerz entsteht – das allein reduziert bereits die Intensität.
  2. Graduierte Bewegung: Starte mit schmerzmäßig angepassten Bewegungen und steigere langsam.
  3. Stressreduktion: Chronischer Stress erhöht die Schmerzempfindlichkeit – Atemübungen und Schlaf helfen.
  4. Kräftigung der Zielstruktur: Gezieltes Training senkt die neuronale Überempfindlichkeit.
  5. Kognitive Umbewertung: Schmerz nicht als Feind, sondern als Signal des lernenden Nervensystems betrachten.

Was das für deine Behandlung bedeutet

Wenn Schmerz im Gehirn entsteht und durch viele Faktoren beeinflusst wird, dann braucht gute Schmerzbehandlung mehr als Behandlung des betroffenen Gewebes. Sie braucht: Bewegung, Schmerzerziehung, Stressmanagement, Schlaf, und manchmal psychologische Unterstützung.

Deshalb ist mein Ansatz ursachenbasiert und ganzheitlich. Ich schaue nicht nur auf den Körper - ich schaue auf die Person.

Fazit

Schmerz zu verstehen ist der erste und wichtigste Schritt zur Genesung. Er ist immer real – aber er bedeutet nicht immer Schaden. Mit dem richtigen Wissen, gezielter Bewegung und einer ganzheitlichen Herangehensweise kann das Nervensystem dauerhaft umtrainiert werden.

Häufige Fragen

Kann man Schmerzen wegtrainieren?

Ja - durch regelmäßige Bewegung lernt das Nervensystem, Bewegungen als sicher einzuschätzen. Das senkt die Schmerzintensität langfristig - vorausgesetzt das Training ist individuell angepasst.

Warum habe ich Schmerzen obwohl der Arzt nichts gefunden hat?

Weil Schmerz nicht immer direkt mit strukturellen Befunden zusammenhängt. Das Nervensystem kann Schmerz erzeugen ohne klare körperliche Ursache - das nennt sich zentrale Sensibilisierung.

Ist chronischer Schmerz heilbar?

In vielen Fällen ja. Es erfordert einen mehrdimensionalen Ansatz: Bewegung, Schmerzerziehung, Stressreduktion und Geduld. Die Prognose ist gut wenn aktiv und konsequent gearbeitet wird.

Was ist der Unterschied zwischen akutem und chronischem Schmerz?

Akuter Schmerz ist ein Warnsignal bei tatsächlicher oder drohender Gewebeschädigung. Chronischer Schmerz (ab 3 Monate) ist oft ein Zeichen dass das Nervensystem überempfindlich geworden ist.

Tim Burwitz – Personal Trainer Köln
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